CSD: Wir sind hier. Und wir bleiben.

Der erste Christopher-Street-Day in unserer Stadt fand am 29.08.2026 mit mehr als 700 Menschen statt, die fröhlich, bunt und laut feierten und so ihre Unterstützung für die queere Community und eine offene und bunte Gesellschaft zum Ausdruck brachten. Der Zug führte vom Bahnhof zum Festplatz, wo das Fest der Vielfalt die Abschlusskundgebung war. Natürlich waren wir GRÜNE aus KW und dem Landkreis auch dabei!

Neben Redebeiträgen des Innenministers und unserer Abgeordneten Dr. Andrea Lübcke sprach auch Arin Winter. Die Rede könnt Ihr unten nachlesen.


Arin Winter beim CSD in KW

Liebe Freundinnen und Freunde,

liebe queere Community, liebe Allies,

heute stehen wir hier in Königs Wusterhausen.

Und allein das ist eine politische Aussage.

Denn Pride in Berlin oder Hamburg ist wichtig und bekommt natürlich viel öffentliche Aufmerksamkeit und findet in der Regel im offenen Großstadtklima statt. Aber Pride hier in Brandenburg, in einer kleineren Stadt, dort, wo Sichtbarkeit manchmal noch Mut kostet – das ist unverzichtbar.

Ich stehe heute vor euch als Transfrau. Aber ich bin nicht erst seit meinem Outing ein Mensch mit einer Geschichte.

Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen. In einer Welt mit ziemlich klaren Vorstellungen davon, was ein Mann zu sein hat und was eine Frau zu sein hat. Also habe ich lange versucht, genau das zu sein, was von mir erwartet wurde: ein Mann.

Ich habe versucht, diese Rolle gut zu spielen. Verantwortung zu übernehmen. Stärke zu zeigen. Erwartungen zu erfüllen.

Nur eines habe ich dabei viel zu lange übersehen: Mich selbst.

Mir ging es nicht gut, und lange wusste ich nicht einmal, warum.

Die Befreiung begann spät – aber sie begann mit einer Erkenntnis, die mein Leben verändert hat: Ich bin anders. Und ich darf anders sein.

Und irgendwann habe ich beschlossen: Ich spiele diese Rolle nicht mehr. Ich lebe mein Leben.

Und vielleicht kommt euch das bekannt vor.

Das Outing hat mir Freiheit gegeben. Aber Freiheit hat manchmal einen Preis.

Freundschaften sind zerbrochen. Menschen, die mich lange kannten, haben sich abgewandt. Und selbst in meiner eigenen Familie wurden Kontakte abgebrochen.

Ja, das tut weh.

Aber wisst ihr, was noch mehr wehgetan hätte?

Mich selbst zu verleugnen, nur damit andere sich mit meinem Leben wohler fühlen.

Dazu bin ich nicht mehr bereit.

Ich bin meinen Weg gegangen. Ich habe Karriere in der Bundeswehr gemacht – und ich sage ausdrücklich dazu: Die Bundeswehr hat mich auf meinem Weg durch die Transition immer wohlwollend und unterstützend begleitet. Ich habe jahrzehntelang in Vereinen Verantwortung übernommen – für Menschen, für Entscheidungen und für unsere Gesellschaft.

Ich bin heute nicht weniger als der Mensch, der ich vorher war.

Ich bin nur endlich vollständig sichtbar.

Und niemand – keine Familie, kein Verein, keine Kirche, keine Partei und kein selbsternannter Hüter irgendeiner gesellschaftlichen Normalität – bekommt von mir noch einmal das Recht zu entscheiden, wer ich sein darf.

Und genau deshalb stehe ich heute hier.

Pride ist keine Folkloreveranstaltung.
Pride ist nicht nur Musik, Glitzer und Regenbogenfahnen.

Pride ist politisch. Pride war immer politisch. Und Pride muss heute wieder verdammt politisch sein.

Wir haben beim Berliner CSD erlebt, wohin Hass führen kann: zu Gewalt, zu Verletzten, zum Tod.

Und wir müssen auch benennen, woher dieser Hass kommt.

Er kommt von Rechtsextremen.

Und er kommt aus religiösem Fundamentalismus.

Nicht nur, aber in besonderem Maße ist Islamismus queerfeindlich. Das aus Angst vor einer falschen Debatte nicht auszusprechen, hilft keinem einzigen queeren Menschen.

Aber genauso klar sage ich:

Muslime sind nicht unsere Feinde. Christen sind nicht unsere Feinde. Religion ist nicht unser Feind.

Wer friedlich glaubt und die Freiheit anderer respektiert, steht nicht gegen uns.

Ich werde das Recht eines Muslims verteidigen, seine Religion frei auszuüben. Ich werde das Recht einer Christin verteidigen, ihren Glauben zu leben.

Aber ich erwarte dasselbe für uns.

Denn Religionsfreiheit heißt:

Du darfst glauben, was du willst. Aber dein Glaube gibt dir kein Recht, über mein Leben zu bestimmen.

Kein Imam. Kein Priester. Kein Prediger. Kein selbsternannter Hüter irgendeiner vermeintlichen Moral entscheidet darüber, wen ich lieben darf oder wer ich bin.

Glauben darf jeder. Herrschen über andere darf niemand.

Und während wir heute hier feiern, stehen wir wenige Wochen vor zwei Wahlen, bei denen genau solche Freiheitsfragen auf dem Spiel stehen.

Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Am 20. September in Mecklenburg-Vorpommern.

Und dort geht es nicht um irgendwelche abstrakten Debatten.

Der AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, spricht von „Regenbogenideologie“ und sagt über Transkinder: „Das kann doch nicht normal sein.“

Andere AfD-Politiker bezeichnen unsere Bewegung als „Regenbogenkult“ und erklären, eine von ihr geprägte Gesellschaft wäre die „Hölle auf Erden“.

Nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt fordert die AfD, Regenbogenflaggen und queere Sichtbarkeit zurückzudrängen, geschlechtliche Vielfalt nicht mehr zu vermitteln, traditionelle Familienbilder zu stärken und das Selbstbestimmungsgesetz wieder abzuschaffen. Ähnliche Forderungen gibt es in allen AfD-Landesverbänden und auf Bundesebene. Von anderen rechten Vereinigungen ganz zu schweigen.

Das ist kein erfundener Kulturkampf.

Das sind politische Forderungen.

Und deshalb müssen wir begreifen:

Wenn solche Parteien Regierungsverantwortung bekommen, dann reden wir nicht mehr nur darüber, ob jemand einen hässlichen Kommentar auf Facebook schreibt.

Dann reden wir über Lehrpläne.

Über Fördermittel für Beratungsstellen.

Über Sichtbarkeit an Schulen.

Über Behörden.

Über politische Initiativen gegen die Rechte von queeren Menschen.

Natürlich kann auch eine Landesregierung nicht einfach Grundrechte außer Kraft setzen. Gerichte, Verfassungen und der Bund setzen Grenzen.

Aber zwischen „nicht alles können“ und „keinen Schaden anrichten können“ liegt ein verdammt großer Unterschied.

Gerade deshalb müssen wir hier im Osten hinschauen.

Wenn Rechtsextreme gegen CSDs mobilisieren, wenn Menschen eingeschüchtert werden sollen, weil sie eine Regenbogenfahne tragen, dann dürfen wir nicht so tun, als sei das bloß irgendein Kulturkampf zwischen zwei politischen Lagern.

Es geht um Menschen.

Vielleicht steht heute irgendwo hier ein fünfzehnjähriger Junge, der zum ersten Mal erlebt:

Ich darf einen Jungen lieben.

Vielleicht sieht ein nonbinärer Jugendlicher diesen CSD und begreift zum ersten Mal:

Ich bin nicht allein.

Genau für diesen Menschen müssen wir hier sein.

Und deshalb reicht mir auch das Wort „Toleranz“ nicht.

Ich möchte nicht toleriert werden.

Ein unangenehmes Geräusch toleriert man. Einen unangenehmen Geruch toleriert man.

Menschen werden nicht toleriert. Menschen haben Würde. Menschen haben Rechte.

Und diese Rechte gelten für Lesben und Schwule. Für Bisexuelle. Für trans, inter und nichtbinäre – für ALLE Menschen.

Sie gelten für Christen, Muslime, Juden, Atheisten.

Sie gelten für den Menschen aus Königs Wusterhausen genauso wie für den Menschen aus Berlin.

Und sie gelten nicht nur dann, wenn eine politische Mehrheit gerade gute Laune hat.

Ich habe in meinem Leben eines gelernt:

Freiheit wird einem nicht geschenkt. Und sie bleibt nicht automatisch erhalten.

Deshalb sage ich denen, die uns wieder unsichtbar machen wollen:

Nein.

Nein zu Rechtsextremismus.

Nein zu religiösem Fundamentalismus.

Nein zu Islamismus.

Nein zu jedem Versuch, unsere Rechte wieder zurückzudrehen.

Wir werden uns nicht kleiner machen, damit andere sich größer fühlen können.

Wir werden unsere Fahnen nicht einrollen.

Wir werden unsere Liebe nicht verstecken.

Und wir werden unsere Identität ganz bestimmt nicht zur Abstimmung stellen.

Wir sind hier.


Wir gehören hierher.


Und wir gehen keinen Schritt zurück.

Seid sichtbar. Seid solidarisch. Und seid verdammt noch mal laut! 

Happy Pride, Königs Wusterhausen!